Es ist Tag der Deutschen Einheit. Seit 2005 verbringe ich ihn jedes Jahr im Ruhrgebiet. Da ich am morgigen Tag wieder im Projektgeschäft sein werde, muss ich am Nachmittag noch gen Jena aufbrechen. Dafür habe ich mich kurzum entschlossen, entgegen langjähriger Vorbehalte, meine Fahrt als Mitfahrgelegenheit anzubieten. Am 12 Uhr konnte meine Fahrt für 14 Uhr geordert werden. Aufgrund des knappen zeitlichen Angebots wollte ich der Fahrt eine gewisse Exklusivität geben.
Tatsächlich rief nach kurzer Zeit an Interessent an. Er stellte sich nicht vor. Stattdessen reichten ihn die Antworten auf „Wann? Wo?“. Er klang nach einem typischen türkischen Mitbürger, ohne das negativ zu meinen. Aber ich dachte mir: Wenn die Kommunikation nicht ausreichend funktioniert, kann ich ja schweigen, wie auf einer alleinigen Fahrt.
Treffpunkt war der Dortmunder Hauptbahnhof, wo ich frühzeitig auf meinen Mitreisenden wartete. Er rief an, um meine genaue Position zu erfahren. Es kam ein junger Mann entgegen, der mir sympatisch war, aber eher aussah wie ein türkischer Mitbürger mit chinesischen Wurzeln. Es stellte sich tatsächlich heraus, dass er aus China kommt. Er will als junger Maschinenbau-Student in den Genuss des grandiosen deutschen Bildungssystems kommen. Er will seinen bereits absolvierten chinesischen Bachelor mit mehr Fundament stärken.

Hochinteressant war noch seine Frage, ob ich als Deutscher das Gefühl habe, es gäbe mittlerweile in Deutschland zu viele Ausländer.
Er habe das Gefühl, dass die deutsche Kultur immer weiter in den Schatten gestellt wird. Meine Meinung: Wir sind angewiesen auf Migranten, da sie unsere Wirtschaft stärken und unseren gesunkenen Nachwuchs kompensieren. Jedoch ist natürlich wichtig, dass es ein miteinander und Integrationsinteresse auf beiden Seiten gibt.

Wir haben uns noch viel über China unterhalten, weil ich einige Fragen zu Wirtschaft, Staat, Meinungsfreiheit, Qualitätsverständnis, Leben,etc hatte. Das Meiste ist durch Medien bereits bekannt. Was ich witzig fand, ist das Größenverständnis. Jena gilt in Deutschland als Großstadt. Wie würde die Größe in China wirken? Die Antwort ist nicht verwunderlich. Die Bezeichnung wäre sinngemäß „Niedrig-Stufen-Dorf“. Das heißt, eine deutsche Großstadt wäre die kleinste Form eines Dorfes in China. Eine Großstadt nach chinesischen Verständis, welche min. 10 Millionen Einwohner hat, gibt es in Deutschland leider gar nicht.
Shanghai mit seinen knapp 50 Millionen Einwohnern wäre übrigens auch nach chinesischen Verständnis eine Super-Großstadt.